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01.10.2011

Stichworte zum September

Von Jürgen Steinbrück

05.09.2011
Es ist völlig klar, die Ereignisse vor einer Wahl zum Abgeordnetenhaus überschlagen sich und beherrschen die öffentliche Wahrnehmung. Die „Arbeitsgemeinschaft Berliner Senioren“ wollte da nicht abseits stehen. Sie lud auf der Grundlage selbsterarbeiteter Wahlprüfsteine Kandidatinnen ein, um sie hochnotpeinlich zu befragen und durch's Publikum befragen zu lassen. Naja, das ist immer so eine Sache, jede, also 4 Frauen und ein Mann vertraten die Parteien, versuchen sich ins richtige politische Licht zu rücken, was wenig oder nur zum Teil gelang. Mir kam der Gedanke, wie würden die da aussehen, müssten sie wie ihr Altvordern einst, die Beschlüsse im Stadtparlament als Bezirksverordnete umsetzen. So war das, als Berlin ein Reichsland wurde. Na, da würden manche sehr schnell merken, dass das, was im Abgeordnetenhaus beredet und beschlossen wird, nicht immer und immer weniger mit dem wahren Leben der Berliner zu tun hat. Eine junge Frau, die aus NRW hierher zugezogen ist, resümierte dann auch, sie hätte außer von der Vertreterin der LINKEN keine klaren Ansagen gehört. Da hätte man aber die Blicke der anderen sehen sollen! A Watschen, würde wohl der Bayer sagen.

06.09.2011
Seit über 30 Jahren hat die Bezirksorganisation der Volkssolidarität eine Seniorenakademie. Wusste ich bis vor Kurzem auch nicht. Nun kenne ich die Freunde um Frau Prof. Roßberg. Sie reden wohl mehr über das Leben und seine hellen Seiten. Sie kutschieren durch Berlin und besuchen herausragende Einrichtungen, um mit Fachleuten zu debattieren. Jetzt hatten sie die Seniorenvertretung eingeladen, um zu erfahren, warum man sie wählen soll. Das habe ich und meine mitgereisten 5 Kandidaten für die neuzuwählende Vertretung ausgiebig getan. Wir haben den Damen und Herren, letztere waren in der Minderzahl, das Aha-Erlebnis verschafft, wirklich erstmals über die Arbeit, die gesellschaftliche Einbindung und die behandelten Themen der gewählten Vertretung etwas gehört zu haben. Das unter Beifall. Doch bleibt da ein bitterer Beigeschmack. Wir sind seit 5 Jahren im Bezirk unterwegs, haben mit allen mögliche Institutionen und Ämtern gute Verbindungen aufgebaut, aber immer wieder begegnet einem dieses: “Wusste ich gar nicht, is´ ja interessant!“ Das scheint zukünftig bedeutend zu werden, die Seniorenvertretung noch breiter zu popagieren.

07.09.2011
„Liebe Genossinnen und Genossen!“, sagte sie unter einem verlegenen, etwas unsicheren Lächeln, unter dem wohlwollend freundlichen, wohltemperierten Beifall der zahlreich erschienenen amüsierten Anwesenden. Die junge Vertreterin der Falken begann so ihre Ansprache auf der Feier anlässlich der Eröffnung des „Hauses der zwei Türen“ im Gensinger Viertel. Was sie zu sagen hatte, das ist bemerkenswert. In Zeiten klammer Kassen ist hier eine Kinder- und Jugendlicheneinrichtung entstanden, die sich wohltuend von den etwas erzwungenen Umbauten der älteren Generation unterscheidet. Besonders ist auch, dass das Haus von 2 Vereinen, den FALKEN, der über hundertjährigen, immer wieder jungen Jugend bei der SPD, und den JUNGEN HUMANISTEN geführt wird. Der eine kümmert sich um die u15, der Andere um die ü15-jährigen. Eine sinnvolle Symbiose. Sie haben sich einen schönen, wenn auch geteilten Garten geschaffen, in dem vieles möglich ist. Mir schien, die Drainage funktioniert nicht oder ist falsch verlegt. Das Grün stand unter Wasser. Abgesehen davon und von einer abschließbaren, klemmenden Toilettentür fand ich das Ensemble und die Angebote interessant. Aber, was zählt schon die Stimme eines Seniors. Wichtig ist, was junge Leute dazu sagen und daraus machen.

15.09.2011
Vor einer Woche habe ich über die Eröffnung des „Hauses der zwei Türe“ geschrieben. Heute stehe ich in der neuen Begegnungsstätte „Lustige Hechte“ in der Ribnitzer 1b.  Mit mir die VIPs des Bezirksamtes natürlich und die, für die das gemacht wurde, die Seniorinnen und Senioren. Sie hatten sich schon am Hechtgraben wohl gefühlt und scheinen sich hier genauso schnell einzuleben. Jedenfalls war volle Hütte am Tag der Eröffnung. Nebenan bereitet sich der „Verein für ambulante Versorgung“ darauf vor, seine Klienten ab nächster Woche zu empfangen und zu betreuen. Gestern wurde die Jugendfreizeiteinrichtung „Tube“ am nunmehr wieder altbenannten Roedernplatz dem Publikum vorgeführt und die Türen aufgestoßen. Man könnte sich in alte Zeiten zurückversetzt fühlen, da Wahlgänge im Vorfeld durch spektakuläre Eröffnungen, Übergaben, Preissenkungen und all so was versüßt wurden. Fällt halt heute so manches ungewollt auf so einen Höhepunkt. Ist aber auch ein Beweis dafür, dass, wenn man eine vernünftige Politik macht, ein Bezirk Berlins mit ausgeglichenem Haushalt auch noch in der Lage ist, für Neues zu sorgen. Ob´s in der Zukunft auch so geht?

19.09.2011
Ich gebe es zu, ich bin ein wenig enttäuscht. Das Wahlergebnis in Berlin ist die Ursache. Mit den etwas über 11 Prozent kann man in dieser Stadt wahrlich keinen Staat machen. Ich war immer der Ansicht, dass um die 15 % Wähler unsere Klientel sind, alles darüber ist als Erfolg, alles darunter als Misserfolg zu werten. Und ich werte das so! Ich weiß aber auch im Moment noch nicht, was hat´s verursacht. Da möchte ich auch noch ein bisschen nachdenken und nachdenken lassen. Auch die Wahl zur Bezirksverordnetenversammlung kann nicht unbedingt als optimal gesehen werden. Gut, wir sind wieder die stärkste Fraktion. Die SPD hat nichts dazu gewonnen, obwohl sie ihren Wahlkampf ausschließlich gegen DIE LINKE.Lichtenberg richtete, sie wollte laut erklärt unbedingt die Bürgermeisterin weg haben. Mal sehen, wie sich die Debatten um das neue, ein Stadtrat weniger umfassende Bezirksamt anlassen. Es liegt schon eine gewisse Spannung in der Luft, was die Lichtenberger Zukunft angeht und das Verhalten der Parteien zur Fortsetzung der Politik der letzten 15 Jahre. Gut so, aber, es ist zu fürchten, die Kungelei um Posten und Pöstchen untergräbt die Verantwortung gegenüber den Lichtenbergern. Wehe euch!

27.09.2011
Alle reden über die Konstellation in der Bezirkspolitik. Wann wer mit wem was ausgekungelt hat und wie und wie lange die Zählgemeinschaften aller Farben halten. Mag ja sein, dass das momentan eine gewisse Rolle bei den Protagonisten spielt. Gut, für die Wahl der Lichtenberger Bürgermeisterin oder eines Bürgermeisters hat das schon eine fundamentale, aber eben jetzt nur eine temporäre Bedeutung. Zu diesem Zwecke muss jeder mit jedem reden. Die Lichtenberger sind´s gewohnt eine stabile und exklusive und engagierte Politik ihrer Bürgermeisterin Christina Emmrich zu erleben. Wer das toppen will, muss schon früh aufstehn. Und der Herr Kandidat der SPD hat´s schon mehrfach versucht, ist aber gescheitert. Nun ist anzunehmen, dass er allen alles verspricht, um die Ansage aus seinen Reihen, DIE muss weg, umzusetzen. Ich bin der Hoffnung erlegen, dass politisch Verantwortliche zuerst die Frage stellen, was ist mit wem zu erreichen? Und, hält das Bürgermeisterwahlbündnis, genannt Zählgemeinschaft und erfunden ausschließlich, um die damalige PDS von Posten abzuschotten, dann auch politischen Stresssituationen stand? Da, halten zu Gnaden, glaube ich bei Grünen, Piraten und CDU an nichts!

29.09.2011
Votierungstag in Lichtenberg. Der Bürgerhaushalt steht an vielen Standorten zur Abstimmung. Ein bundesweit einmaliges Ereignis. Jede und jeder, der sich da her wagte, hat grüne Punkte zu vergeben, die in der Summen dann Schwerpunkte des Haushalts des Bezirks festsetzen. Im Moment kann ich noch nicht überblicken, wie die Beteiligung an den einzelnen Standorten, und von denen gab es ja immerhin 22 im Bezirk, war. Aber das Wetter lud regelrecht dazu ein. In unsrem Rayon standen so dringende Dinge zur Abstimmung wie die Reko der Turnhalle an der Grzimek – Schule und der Vorschlag, an einem Spielplatz einen Schattenspender, wenn schon keine Bäume da sind, zu errichten. Auch wurde die Fortsetzung des Programms zur Absenkung der Bordsteine zur Abstimmung gestellt. Die eingesetzten Frauen und Männer, die Azubis des Bezirksamtes und Freiwillige gaben sich alle Mühe, die Fragen der Vorbeikommenden zu beantworten und sie für den höheren Sinn des Unternehmens zu gewinnen. Es ist immer wieder erstaunlich, wer alles noch nichts vom BüHH gehört hat, obwohl wir das nun schon im 7. Jahr machen. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch, das Wissen wenigstens zu erweitern und so auch das Interesse und die Beteiligung. Waren denn eigentlich die Bezirksverordneten dort?

30.09.2011
Das war´s. Nach 16 Jahren Bezirksverordneten- und Fraktionsversammlungen, Ausschusssitzungen, Vo-standsberatungen, Arbeitsgruppentreffen und Geschäftsbetrieb ist diese Episode, wohl meine letzte Verantwortungsträchtige, zu Ende. Jetzt müssen sie, nach Fontane, ran, die jungen Kader der LINKEN:
„Unverständlich sind uns die Jungen“
Wird von den Alten beständig gesungen;
Meinerseits möchte ich´s damit halten:
„Unverständlich sind mir die Alten.“
Dieses Am-Ruder-bleiben-wollen
In allen Stücken und allen Rollen,
Dieses sich unentbehrlich Vermeinen
Samt ihrer „Augen stillen Weinen“,
Als wäre der Welt ein Weh getan –
Ach, ich kann es nicht verstahn.
Ob unsere Jungen, in ihrem Erdreisten,
Wirklich was Besseres schaffen und leisten,
Ob Parnasse sie näher gekommen
Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen,
Ob sie, mit andern Neusittenverfechtern,
Die Menschen bessern oder verschlechtern,
Ob sie Frieden sä´n oder Sturm entfachen,
Ob sie Himmel oder Hölle machen –
EINS lässt sie stehn auf siegreichem Grunde:
Sie haben den Tag, sie haben die Stunde;
Der Mohr kann gehen, neu Spiel hebt an,
Sie beherrschen die Szene, sie sind dran.